Die Fotografie von Diane Arbus: Abstoßend und unwiderstehlich

Die Fotografie von Diane Arbus: Abstoßend und unwiderstehlich

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Obwohl sie tragischerweise mit jungen 48 Jahren viel zu früh von uns gegangen ist, hat Diane Arbus die Entwicklung der modernen Dokumentarfotografie nachhaltig geprägt. Sie widmete sich den Außenseitern und Marginalisierten der Gesellschaft und fing mit ihrer Linse das Packende und das Seltsame ein. Auf diese Weise öffnete sie einen vollkommen neuen Zugang zur Fotografie. Diane Arbus’ Fotografie ist gleichzeitig intim und streng beobachtend, gefühlvoll und abweisend, und dadurch besitzt sie eine spezielle Qualität, die sowohl abstoßend als auch anziehend wirkt. Meinfoto.de wagt einen Blick auf die Motivationen, Techniken und Geschichten hinter der Arbeit dieser wirklich faszinierenden Fotokünstlerin.

Die Fotografie von Diane Arbus

Quelle: hammer.ucla.edu

Obwohl Diane Nemerov (ihr Mädchenname) in eine ziemlich reiche Familie geboren wurde, haben Armut und ihre Folgen sie schon in ihren jungen Jahren fasziniert. Die zukünftige Fotografin soll auch vom imposanten Ausblick aus ihrem Apartment im 11. Stock fasziniert gewesen sein, was dazu führte, dass die junge Diane oftmals die Fensterbretter erklomm und ihre Mutter sie immer wieder retten musste, bevor etwas Schlimmes passierte. Schlau, hübsch und mit einem bestimmten unkonventionellen Charme wurde Diane von den Lehrern der Fieldston School of Ethical Culture bewundert, die allesamt von den Eigenheiten des begabten Mädchens beeindruckt waren.

Die Fotografie von Diane Arbus

Quelle: http://www.nytimes.com/

Um ihre selbstgesetzten Standards des Draufgängertums einzuhalten, heiratete Dianen Arbus bereits im jungen Alter von 18 Jahren und unterhielt danach zusammen mit ihrem Ehemann Allan Arbus ein Fotografie-Studio. Obwohl das Unternehmen keineswegs ein Flop war, war sein Bestehen von kurzer Dauer, da das Paar einen gemeinsamen Hass auf die Mode-Industrie hegte. Eine genauso wichtige Rolle spielte der individuelle Ehrgeiz des Paares, das Medium auf einer neuen, künstlerischen Ebene zu entdecken

Die Fotografie von Diane Arbus. Teenage Couple on Hudson Street

© THE ESTATE OF DIANE ARBUS

Quelle: http://www.batcol.com/

Eine neue Basis für Fotoexperimente war bereits gelegt, als Diane im Jahr 1956 mit ihren ersten, vielversprechenden Versuchen ihre kurze aber beeindruckende Karriere in der Dokumentarfotografie als Fotojournalistin für Esquire und Harper’s Bazaar begann. Obwohl sie heute eine weltweit bekannte und gefeierte Künstlerin ist, und ihre Monographie Diane Arbus: An Aperture Monograph immer noch neu gedruckt wird, um der ständigen Nachfrage nachzukommen, stand sie während des Höhepunkts ihrer Wirkungszeit im Schussfeuer der Kritik, sowohl vonseiten der allgemeinen Öffentlichkeit als auch von Kunstkritikern, die Arbus oft einfach als Fotografin der Freaks und sexuell Perversen abtaten. In ihrer Kritik von 1973 zeigt Susan Sontag, dass Arbus’ gesamtes Portfolio sich auf die Sicherheit der Distanz und des Privilegs stützt, während die Fotos selbst eine Art modischen Pessimismus ausstrahlen, ohne jeglichen Anschein von Empathie. Diese Kritik war jedoch weniger eine konstruktive Kritik als eine harsche Trivialisierung, die viel mit der Einstellung der breiten Öffentlichkeit Menschen gegenüber hat, die nicht in die Schemen der Norm passten.

Die Fotografie von Diane Arbus. A Young Man and his Girlfriend

© THE ESTATE OF DIANE ARBUS

Quelle: www.photography-now.com

In ihren eigenen Worten war die Beziehung zwischen ihr und den auf ihren Fotos abgebildeten Personen eine Mischung aus Scham und Faszination. Arbus betrachtete sie sogar als spirituelle Aristokraten, die Mitglieder der Gesellschaft, die, ganz anders als die Mehrheit, bereits ihr inneres Trauma überwunden haben und somit eine Art Ehrwürdigkeit besitzen. Es ist klar, dass Diane Arbus ihre Mamiya Twin Lens Reflex-Kamera in erster Linie dazu verwendete, Bewunderung für die Person und ihre Eigenheiten auszudrücken, egal, was diese seien.

Die Fotografie von Diane Arbus. Jack Dracula

© THE ESTATE OF DIANE ARBUS

Quelle: sangbleumagazine.com

Diane Arbus ist für ihre spezielle Methode bekannt, die darin besteht, eine nahe emotionale Bindung mit dem fotografierten Objekt herzustellen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Vorbereitungszeit für einige der klassischen Fotos länger war als üblich. Aber die meisten der langfristigen Fotomotive wurden öfter als einmal besucht und über die Jahre öfter fotografiert. Die zentrale Stimmung ihrer Technik lässt aber an eine vollkommene Spontaneität in Bezug auf Ortswahl und Objektwahl schließen – je weniger Kontrolle man über die Situation hat, desto besser. Sie verglich einen Fototermin oft mit einem Blind Date. Auf eine gewisse Art und Weise kann diese Abenteuerlust in der Fotografie als Pionierleistung angesehen werden, die das Porträt und die Straßenfotografie, wie wir sie heute kennen, maßgeblich geprägt hat.

Die Fotografie von Diane Arbus. Identical Twins Roselle

© THE ESTATE OF DIANE ARBUS

Quelle: http://24ilmagazine.ilsole24ore.com/

Unter den vielen weltbekannten Werken des Arbus-Portfolios gibt es einige, die von vielen als Synonyme mit der modernen Fotografie des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Das Schwesternduo in der Fotografie Identical Twins, Roselle, N.J. 1967, mit dem erstaunlich viktorianischen Touch, soll Stanley Kubrick so sehr verfolgt haben, dass er ihnen schließlich in der legendäre Szene in The Shining eine Hommage erwies. Das Foto Jewish giant at home with his parents in the Bronx, NY, 1970, obwohl mehr auf der dokumentarischen Seite angesiedelt, ist ein gleichermaßen fesselndes Foto, das die gigantischen Ausmaße von Eddie Carmels Akromegalie porträtiert. Der klaustrophobische Effekt, der durch Arbus’ Komposition noch betont wird, zeigt die tragikomische Seite der Situation, ohne sie zu verspotten.

Die Fotografie von Diane Arbus. Jewish Giant at Home

© THE ESTATE OF DIANE ARBUS

Quelle: www.ucreative.com

Ein weiteres Meisterwerk aus Arbus’ breitem Portfolio ist das Foto mit dem Titel Child with toy hand grenade in Central Park, New York City. 1962. Hier wird Collin Woods, der dünne Sohn von Sidney Woods, einem legendären Tennisspieler,  porträtiert. Der fast schon groteske Gesichtsausdruck, die gekrümmte Hand und die Spielzeug-Handgranate sind ein unglaublicher Kommentar auf die Gesellschaft, während Collin Woods in Wirklichkeit lediglich den Blick nachmachen wollte, den er mit damals modernen Kriegsfilmen verband.

Die Fotografie von Diane Arbus. Child with Toy Hand-grenade

© THE ESTATE OF DIANE ARBUS

Quelle: http://www.rafaelroa.net/

Wenn man auch nur einen kleinen Blick auf den Kontaktabzug dieser speziellen Fotosession wirft, wird bald klar, dass Collin einfach ein gewöhnlicher Junge war, der auf seine Art expressiv mit der Kamera kommunizierte. Aber Collin, der das Foto zu Beginn hasste, bewunderte es später. Er gab zu, dass hier ein Moment großer Verzweiflung aufgefangen wurde, da sich seine Eltern gerade scheiden ließen. Dieses markante Bild wird oft als popkulturelle Referenz zitiert, und auch wenn es seltsam klingt, diente es als Inspiration für die Comicfigur Bart Simpson.

Die Fotografie von Diane Arbus. Tiny Tim

© THE ESTATE OF DIANE ARBUS

Quelle: vamp.com.mt

Arbus beschrieb ihre Methode einst auf eine interessante und vielsagende Weise: sie  sagte, sie arbeite vom Ausgangspunkt der Peinlichkeit aus. Das einzige Arrangement, das sie vornimmt, ist sie selbst. Die Autorin, in diesem Fall, ist in einer demütigen Position, offen gegenüber der Geschichte ihrer Objekte, während sie selbst nichts eröffnet. Sie befolgte den Rat ihrer Lehrerin Lisette Model und suchte nach den Details, um das Ganze zu sehen. Durch die Objekte ihrer Fotos sehen die Betrachter zum ersten Mal die undokumentierte Realität, eine Kunst, die das Menschliche in jedem erkennt. Die Ausrüstung, die Diane im Laufe ihrer Karriere verwendete: Nikon F; Rolleiflex; Mamiya C33 (55mm; 80mm; 135mm); Pentax 6×7

Die Fotografie von Diane Arbus

quelle: robertvaningen.com

Sie war eine großzügige Seele, eine moderne New Yorkerin, eine rätselhafte Figur, die in eine andere Ära gehört und eine der radikalsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Diane Arbus hat soziale Modelle verändert, sie war eine Künstlerin, deren kühnes, kompromissloses Benehmen und kreative Impulse heute noch Fotografen und Denker inspirieren.

 

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