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Kleine Stadt, billige Filter (Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und lernte, Filter zu lieben.)

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Um diesen seltsamen Text zu relativieren: Ich war schon immer ein ausgesprochener Filter-Hasser. Selbst die kleinste Nachbearbeitung mit VSCO oder einer anderen App, führte bei mir zu aufrichtiger Verachtung und nicht nur wegen des Hasses (oder sagen wir Vorurteils) gegenüber der falschen Natur aller Dinge, die sich in der momentanen globalen Besessenheit mit leerer Ästhetik manifestiert, wohin man auch blickt.

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Für mich ging es eher um die Frage nach der Zukunft der Kunst im Allgemeinen und darum, wie diese Versuche, die Designs und das Aussehen vergangener Epochen zu imitieren und sie mit der gleichen, oberflächlichen Nervosität des Pop-Kultur-Erbes der letzten drei bis vier Jahrzehnte zu vermischen, im Wesentlichen die Kunst selbst entwertet haben und jeden Smartphone-Besitzer in einen vermeintlich kunst-versierten und nonkonformistischen Kerl verwandeln, der drei Zeilen Beschreibung unter dem Gemälde von Matisse kennt (weil das im Wesentlichen der gesamte Inhalt seines neuen Konzeptbuchs über Kunstgeschichte ist) und der seinen Tag damit beginnt, den Teufel aus seiner Nachahmung eines französischen Frühstücks zu filtern. Für mich war das sanktionierter und schamloser Hohn, durchgeführt von Kids, die das Aussehen zwar gekauft, aber das Buch nicht gelesen haben (außer ein paar fett gedruckten Zitaten, wenn die Lage günstig war, um es sichtbar herumzutragen). Die Post-Postmoderne befindet sich in ihrer entscheidenden Phase – das Zeitalter von “steal-this-look”, in dem Stil die Substanz endlich vollkommen zugrunde gerichtet hat. All das geschah natürlich, bevor ich wusste, wie ernsthaft süchtig der Prozess des Filter-Anwendens werden kann.

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Alles begann, als ich bei einem Besuch in meiner eher abgelegenen Heimatstadt durch eine Auswahl kostenloser und daher oft minderwertiger Fotoanwendungen scrollte. Es war die belebende und luftige Frühjahrszeit – die herrliche Übergangszeit, die – wenn du weißt, was ich meine – im Grunde danach verlangt, fotografiert zu werden. Außerdem wollte meine Mutter einen Spaziergang machen, also standen nicht so viele Optionen zur Verfügung. Da ich davon ausging, dass dieser Vorgang ziemlich ereignislos werden würde (da ich auch auf keinen Fall ein Fotograf bin), erschien mir eine gebührenfreie App, die dem Ganzen ein bisschen Inspiration verleihen könnte, angemessen. Natürlich würde ich das niemals jemandem erzählen (da ich ein erklärter Hasser des pseudokünstlerischen Filtergeschäfts bin) und diese Bilder sollten niemals das Licht der Welt erblicken. Okay, vielleicht dann, wenn ich sie gegen meine Langeweile einsam durchblättern würde und heimlich fasziniert bin, von dem Ambiente, das sie vermitteln.

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Da ich mein erstes Smartphone lächerlich spät bekam (wohl oder übel), war diese Erfahrung natürlich total spannend und kam nahe an das Gefühl heran, ein Kind zu sein, das in einen Spielzeugladen mit freier Auswahl geworfen wird. In der Tat scrollte ich gierig, als müsste ich meinen Mangel an Wissen rächen und wiedergutmachen, indem ich jede dritte Foto-App im Umlauf untersuchte. Da ich sehr darauf achtete, für ein einmaliges, heimliches Vergnügen keinen Cent für eine App auszugeben, landete ich bei der App Vintage Cam. Du weißt schon, eine dieser etwas kitschig wirkenden Apps mit einem eher weniger schönen Interface, aber dank der Filter mit ausreichend Vintage-Authentizität, um es mal zu versuchen. Tatsächlich war ich recht überrascht, wie gut dieser B-Movie einer App tatsächlich die Optik einer Analogkamera nachahmen konnte, obwohl es auch etwas unbeabsichtigten Betrug gab. Nach der Sitzung stellte ich fest, dass der dunstige Effekt am Rand vom Schutzüberzug kam, der die rechte Hälfte des Objektivs blockierte, weil ich das Gehäuse eines anderen Handymodells verwendete. „Nutze die Fehler“; Ich erinnerte mich, irgendwo eine Zeile in diesem Sinne gelesen zu haben. Oder war es Bowie, der sagte, dass Fehler viel interessanter als saubere Schnitte sind?

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Die Stadt selbst ist eine wirklich kleine, typische postindustrielle, post-sowjetische Gemeinde (was bedeutet, dass es hier einmal eine Fabrik mitten im nirgendwo gab und die Arbeiter einen Ort zum Übernachten brauchten, also bauten sie eine Menge Khrushchyovkas darum herum), vermischt mit einer Handvoll viel älterer Gebäude, die in den 1920- und 30ern ein kleines Dorf bildeten. Es gibt einige vorstadtartige Stadtteile, aber der Großteil des Gebiets ist von den bereits erwähnten sowjetischen Architektur-Wundern besetzt. Es ist nicht viel los, aber es ist ein guter Erholungsort, wenn man die ständigen Abgase, überfüllte öffentliche Verkehrsmittel und gelegentliche Sirenen mitten in der Nacht satt hat. Außerdem, wie in jeder Heimatstadt, gibt es etwas, das man nicht so genau ausmachen kann. Ich denke, das ist die noch immer vorhandene Kindheitsstimmung, wie die Erinnerung, mit dem Fahrrad den Berg hinunter zu fahren (auf den Fotos zu sehen) und sich wie das schnellste und unglaublichste Wesen auf Erden zu fühlen. Jetzt scheint diese Erinnerung genauso ausgewaschen und flüchtig wie das Foto selbst, was gut zu irgendeinem Hall-beladenen frühen Arcade Fire Musikvideo passt. Heimat ist am Ende doch Heimat. Allerdings fühle ich mich noch immer schuldig, dass ich die Bilder künstlich mit analoger Foto-Ästhetik aufgeblasen habe. Warum sollte ich verbessern, was mir im natürlichen Zustand so lieb war? Gleichzeitig erkannte ich auch, dass es genau die Ästhetik war, mit der mein Verstand bereits die reale Szenerie gefiltert hatte. Die anfängliche Skepsis wackelte etwas und wurde weniger. Tatsächlich machte es mir immer mehr Spaß.

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Nach und nach machte ich mehr und mehr Fotos, während meine Fähigkeit, den richtigen Filter auszuwählen nicht mit dem Wunsch Schritt halten konnte, das nächste fotografierenswerte Objekt (sei es ein Stapel alter Dielen, die Risse an der Wand oder in Grunde alles mit einem pseudo-künstlerischen Reiz) aufzunehmen. Eine banale Verwandlung war im Gange. Irgendwann kam mir ein eigenartiger Gedanke in den Sinn. Wie aufregend es wäre, diese beliebigen Szenerien mit einer dieser wirklich anspruchsvollen Apps, z.B. der VSCO, 8mm Vintage Camera aufzunehmen. Die Offenbarung war schnell und simpel. Sogar die unkomplizierte App, die ich verwendete, reichte aus, um die wundersame Gesinnung des Tages nachzuahmen; das heißt, die Art und Weise wie ich den Tag sah. Als Jahrgang 1993 sah ich den Tag als Verkörperung einer Zahl nahe daran. Ich gab schnell und ohne viel Widerstand auf. Ja, ich war dem Vintage-Ausdruck überdrüssig; ja, er geht auf die Nerven, denn was könnte ein relativ junger Türke tatsächlich von dem Konzept der Nostalgie verstehen? War am Ende nicht alles nur eine Retro-Verherrlichung, um die Anblicke und Erinnerungen darüber wichtiger erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich waren? An dieser Stelle war ich einer der vielen, die es taten, damit sich das Ergebnis bedeutsam anfühlt und aussieht. Vielleicht streben wir danach, die Realität zu ästhetisieren, um sie erträglicher zu machen? Davon abgesehen schienen die Bilder – trotz der völlig chaotischen Komposition und der Tatsache, dass ich alle Grundregeln der Fotografie aus dem Fenster geworfen hatte – auf ihre eigene, herrliche Lo-Fi-Weise so besonders und auffällig zu sein. Natürlich empfand ich auch ein Gefühl der Unzulänglichkeit und gestand mir meine Ablehnung gegenüber den Menschen ein, die die gleiche wunderbare Entdeckung durchgemacht hatten. Alles um mich herum schien nach einem weiteren Schnappschuss zu verlangen.

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Ich muss nicht erwähnen, dass ich am Ende glücklich und total bezaubert war. Ich war bereit, jede App auszuprobieren, die zu mir kommen würde, kostenlos oder nicht. Es war nicht mehr wichtig. Ja, ich verriet meine – wie sich herausstellte schwachen – Ideale. Ja, ich hatte das Gefühl, dass diese Fotos durch die Anwendung von Filtern eine Art transzendente Qualität erhielten (was nicht wirklich der Fall war). Der springende Punkt ist, dass diese Apps nicht mit der Absicht gemacht wurden, damit bahnbrechende Kunst für die Geschichtsbücher der Zukunft zu erzeugen (obwohl sie solche Möglichkeiten auch nicht ausschließen). Es geht um kindischen, unschuldigen Spaß, bei dem augenblicklich schöne Ergebnisse entstehen. Es geht nicht um eine Statusaufwertung mit dem Anspruch auf ernsthafte künstlerische Glaubwürdigkeit, sondern darum, seine eigenen kleinen Momente der Freude zu haben, auch wenn sie von einer künstlichen Schicht aus Foto-Film-Fehlern kommen. Um es kurz zu machen: Es gibt Gelegenheiten wie diese, in denen man die Schönheit der heutigen Technologie zu schätzen lernt. Vielleicht geht es genau darum? Die Werkzeuge, mit denen die große Kunst der Vergangenheit erzeugt wurde, werden allmählich einer breiten Öffentlichkeit zugänglich, da es die Mission des echten Genies ist, zu erfinden und die Erfindung der Öffentlichkeit zum Gebrauch zu überlassen. Während die Genies fleißig am nächsten großen Ding arbeiten, können wir uns gerne verwöhnen lassen, ohne den Ernst unseres Tuns zu überschätzen. Was auch immer es war, es war wunderbar. Ich muss nicht erwähnen, dass der Bildschirm jetzt voller Foto-Apps ist. Es gibt da eine ganz neue Welt zu entdecken!

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