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Kompaktkameras: So holt ihr das Optimum aus den Motivprogrammen heraus

Moderne Kompaktkameras passen in die kleinste Hemd- oder Handtasche – und in dieser Hinsicht sind sie dicken Spiegelreflexkameras weit überlegen. Für die dürfte nämlich selbst die größte Cargo-Hosentasche zu klein sein … Hinzu kommt, dass viele moderne Kompaktkameras technisch absolut einwandfreie Bilder aufnehmen können. Kein Wunder, dass selbst zahlreiche Profifotografen heutzutage bei jeder Gelegenheit eine Kompakte mit sich führen.

Die Handlichkeit und Benutzerfreundlichkeit von Kompaktkameras ist jedoch nicht immer vorteilhaft: Schnell geratet ihr in Versuchung, dem Gerät sämtliche Entscheidungen zu überlassen und einfach im automatischen Modus draufzuhalten. Sicherlich sind auf diese Weise schon viele schöne Aufnahmen entstanden; aber für wirklich gute Bilder solltet ihr euch ein wenig mit dem Einstellrad eurer Kamera beschäftigen.

Die wichtigsten Motivprogramme

So gut wie jede Kompaktkamera ist mit verschiedenen Motivprogrammen ausgestattet, etwa „Porträt“, „Makro“, „Landschaft“ oder „Sport“. Bei vielen Modellen tragen die Programme auch so schicke Namen wie „Herbst“, „Baby“, „Essen“ oder „Theater“. Immer steckt dahinter eine fixe Kombination aus Verschlusszeit, Blendeneinstellung und ISO-Zahl, die erfahrungsgemäß für eine spezielle Aufnahmesituation gut geeignet ist. Hinzu kommt vielleicht noch ein bestimmter Weißabgleich oder eine Farbtonung – fertig ist das Motivprogramm. Es ermöglicht euch auch ohne Kenntnisse über Belichtung, Blende und ISO, eure Kompaktkamera an bestimmte fotografische Situationen anzupassen. Und schließlich sind die Motivprogramme sehr oft die einzige Möglichkeit, Blendengröße und Belichtungszeit überhaupt zu beeinflussen.

Sport

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Möchtet ihr beispielsweise einen Schnappschuss eures Sprösslings auf dem Spielplatzkarussell aufnehmen, dreht das Wahlrad schnell auf das Motivprogramm „Sport“ (außer für Sportler und tobende Kinder eignet sich dieses Programm natürlich auch für actiongeladene Tierfotografien):

  • Die Kamera schaltet dann in den Serienaufnahmemodus, in dem sie bei ganz heruntergedrücktem Auslöser eine Aufnahme nach der anderen auf den Sensor bannt.
  • Gleichzeitig wird der Nachführ-Autofokus (AF-Servo) aktiviert, sodass ein einmal fokussiertes Motiv – im Beispiel das spielende Kind – auch in der Bewegung scharfgestellt bleibt, so lange ihr den Auslöser gedrückt haltet. Manche Kameras verfügen sogar über einen Prädiktions-AF, mit dem sie die Fokussierung im Voraus berechnen können.
  • Außerdem wird in diesem Motivprogramm die kürzestmögliche Verschlusszeit eingestellt und die Bewegung des Motivs dadurch eingefroren – raspelscharfe Bilder sind euch fast sicher.

 

Ihr seht: Gar nicht schlecht, was so ein Motivprogramm zu leisten vermag.  Gehen wir einmal die übrigen wichtigen Programme durch.

Porträt

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Der Modus „Porträt“ öffnet die Blende ziemlich weit (die Blendenzahl verringert sich auf etwa 2,8), sodass der Hintergrund ein wenig verschwimmt und nur das Gesicht des Porträtierten scharf in Szene gesetzt wird. Manche Kameras erkennen auch Hauttöne und stellen den Fokus entsprechend ein. Oft wird für den Weißabgleich ein etwas wärmerer Farbton gewählt – dadurch wirkt der Teint gesünder und frischer.

Landschaft

Kamera, Landschaft, ProgrammeinstellungenGanz anders der Modus „Landschaft“: Hier wählt die Kameraelektronik normalerweise eine mittlere oder kleine Blende (die Blendenzahl liegt dann meist zwischen 5,6 und 8,0), sodass der Hintergrund genauso scharf abgebildet wird wie der Vordergrund. Da sich die meisten Landschaften in größerer Entfernung vom Fotografen befinden, wird der Fokus oft auf „unendlich“ gestellt. Viele Kameras peppen das Bild auch durch sattere Farben und verstärkte Kontraste auf.

Nachtporträt

Die meisten Kompaktkameras bieten kaum Möglichkeiten zur Blitzsteuerung – eine Ausnahme ist das Motivprogramm „Nachtporträt“. Damit lässt sich eine Langzeit-Synchronisation erzielen: Die Belichtungszeit geht über die Blitz-Synchronzeit hinaus; sie richtet sich nach der Menge des Umgebungslichts. Der Blitz selbst sorgt also für die korrekte Belichtung des Motivs im Vordergrund (zum Beispiel einer Person), die verlängerte Belichtungszeit für einen aufgehellten Hintergrund. Ohne diesen Modus würde die Kamera einfach das Vordergrundobjekt mithilfe des Blitzes korrekt belichten und den Hintergrund wegen der kurzen, durch den Blitz vorgegebenen Belichtungszeit rabenschwarz darstellen.

Wichtig für gelungene Nachtporträts: Der Porträtierte muss in der Lage sein, sehr stillzuhalten, um Verwackler zu vermeiden, und ihr solltet die Kamera aus demselben Grund auf einem Stativ, einem Mauervorsprung o. ä. postieren.

Makro

Bei der Makrofotografie geht es darum, kleine Objekte formatfüllend darzustellen und damit auch die winzigsten Details sichtbar zu machen. Da die Distanz sehr kurz ist, ist die Schärfentiefe besonders bei weit geöffneter Blende sehr gering. Bei aktiviertem Motivprogramm „Makro“ bemüht sich die Kamera deshalb um den bestmöglichen Kompromiss zwischen hoher Blendenzahl (kleiner Blendenöffnung) und niedriger Belichtungszeit.

Was ist mit den anderen Motivprogrammen?

Manche Kompaktkameras enthalten über 30 Motivprogramme – das ist nicht nur unübersichtlich, sondern meist auch ziemlich überflüssig. Programme wie „Weihnachten“ und „Kerzenlicht“ oder „Hunde“ und „Katzen“ unterscheiden sich meist höchstens durch geringfügig abweichende Parameter. Sicher macht es Spaß, mit den verschiedenen Möglichkeiten zu experimentieren; gerade für den Anfang genügt es aber erfahrungsgemäß, wenn ihr bei den beschriebenen Programmen bleibt.

Voreinstellungen clever zweckentfremden

Ihr habt gesehen, dass die Motivprogramme keine Zauberei sind, sondern lediglich eine bestimmte Kombination aus ganz normalen Kameraeinstellungen. Da liegt es nahe, sie auch einmal für andere Zwecke zu verwenden, als ihr Symbol auf dem Einstellrad vorschlägt:

  • Zum Beispiel wisst ihr nun, dass das Motivprogramm „Landschaft“ mit seiner hohen Schärfentiefe das gesamte Bild im Fokus behält – nahe gelegene Bäume, entfernte Berge und alles dazwischen. Das heißt, dass ihr diesen Modus nicht nur für Landschaftsaufnahmen verwenden könnt, sondern für jede fotografische Situation, in der sowohl Vordergrundmotiv als auch Hintergrund knackig scharf dargestellt werden sollen.
  • Umgekehrt eignet sich das Motivprogramm „Porträt“ nicht nur, um die Gesichter von Menschen oder Tieren abzulichten. Es ist vielmehr immer dann eine gute Wahl, wenn ihr das Vordergrundmotiv vom Hintergrund isolieren möchtet, etwa einen spannend geformten Baum vor einer entfernten und unscharfen Hügelkette.
  • Wählt das Motivprogramm „Sport“ nicht nur, wenn sich euer Motiv schnell bewegt. Ihr könnt es auch nutzen, wenn ihr selbst in Bewegung seid, zum Beispiel als Beifahrer im Auto.
  • Motivprogramme, die den Weißabgleich und/oder die Belichtung ändern, lassen sich ebenfalls kreativ einsetzen: Testet „Sonnenuntergang“ für romantische Kerzenlichtbilder oder andere Szenen mit warmer, rötlicher Farbstimmung, „Schnee“ für Urlaubsbilder am lichtüberfluteten Sandstrand.

Ein abschließender Tipp

Gut möglich, dass die Motivprogramme euch nun fotografisch schon ein ganzes Stück weitergebracht haben. Noch mehr Nutzen werdet ihr daraus ziehen, wenn ihr euch anseht, welche Parameter wirklich hinter diesen Modi stehen: Lest eure Bilder einfach in euren Computer ein und betrachtet die Exif-Daten. Im Windows-Explorer genügt ein Rechtsklick auf das Bild, um das Dialogfeld „Eigenschaften“ zu öffnen. Hier wechselt ihr in den Tab „Details“ und scrollt nach unten zu den Kameradaten. Ihr seht nun, welche exakte Kombination aus Belichtung, Blende, ISO und Brennweite eure Kompaktkamera gewählt hat. So könnt ihr aus euren eigenen Bildern ganz schön viel lernen!